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LIFE

WEIHNACHTSWUNDER KOMMEN VOR

Glaubt ihr an Wunder? Ich eigentlich nicht. Aber manchmal passieren Dinge, da kommt man selbst als aufgeklärter Mensch ins Grübeln. Wenn eine ganze Reihe von total unwahrscheinlichen Zufällen so passieren, wie man sie gerade dringend braucht.

Begonnen hatte alles vorgestern früh bei meinem Versuch, unsere neuen Vorhänge aufzuhängen. Ich stand gerade auf der Leiter und war dabei, einen der alten Vorhänge runterzunehmen, als das Telefon läutete. Ich dachte sofort an meine Mutter, die ein untrügliches Gespür besaß, immer dann anzurufen, wenn es am ungünstigsten war.

Am anderen Ende der Leitung war auch tatsächlich meine Mutter - mit tränenreicher Stimme und völlig aufgelöst. Ihre Schwester, also meine Tante, hatte sie um Hilfe gebeten. Sie war seit 14 Tagen in einem Provinzspital und lag im Sterben. Sie war von den Ärzten dort als zu schwer krank und zu alt abgeschrieben worden; sie solle sich doch einfach aufs Sterben vorbereiten. Aber dazu war meine Tante noch nicht bereit.

Vermutlich hatte sie selbst in ihrem kritischen Zustand intuitiv noch erfasst, dass nicht ihr Leben, sondern vorerst einmal das Können der Ärzte dort zu Ende war. Also holte sie sich Hilfe. Und wie immer, wenn es um „die ernsten Dingen des Lebens“ ging, war dafür ich dann zuständig. „Tu was, sie muss in eine Spezialklinik!“, schluchzte meine Mutter ins Telefon. Hatte ich schon erwähnt, dass vorgestern Samstag war, ich keine Ärztin bin und auch sonst nicht viel mit Krankenhäusern am Hut habe? Ich stand also auf der Leiter und hielt mich an dem alten Vorhang fest, während meine kleinen, grauen Zellen widerwillig ihren wohlverdienten Wochenend-Modus verließen.

Spezialklinik gut und schön, aber wie kam man dort hin und wohin genau überhaupt? Da fiel mir nur einer ein, der mir hier helfen konnte. Ein Freund von uns ist ein ausgezeichneter, erfahrener Arzt, also erst mal ihn fragen, was hier zu tun war. Ich hatte riesiges Glück, dass ich ihn überhaupt trotz Dienst erreicht hatte. Er konnte mir aber ohne Befunde nicht viel sagen. Klar, aufgrund meiner wenig profunden Kenntnis der Sachlage konnte ich das nachvollziehen. Das Einzige, was ich sicher wusste, war, dass es um Leben und Tod ging.

Gut, also Befunde. Aber wie sollte ich zu den Befunden kommen? Ich stand immer noch auf meiner Leiter, 100km von dem Provinzkaff und dem möglichen Fundort entfernt. Glücklicherweise schalteten sich meine ehemaligen Projektmanagement-Synapsen wieder zu und verklickerten mir, dass als Schritt 1 hier Arbeitsteilung angesagt war. Es musste also ad hoc ein Außenposten Vorort her. Und auch hier hatte ich Glück, dass meine Großnichte Niki – wie durch eine glückliche Fügung - gerade im Krankenhaus bei ihrer Oma war.

Also kurzer telefonischer Aufgaben-Check, dann schwirrte das Enkerl aus und wollte vom Stationsarzt die Befunde besorgen. Dass wir gleich bei der ersten Etappe scheitern würden, hatte ich mir dabei nicht gedacht. Aber der Stationsarzt weigerte sich vehement, diese rauszurücken. Also Rücksprache bei unserem befreundeten Arzt und dann verlangte meine Tante mit letzter Kraft selbst Einsicht in ihre Befunde.

Dank Smartphone hatte ich diese dann ein paar Minuten später übermittelt. Wenige Minuten danach erhielt ich von unserem Freund eine SMS, ein entsprechender Facharzt würde sich bei mir melden und mir sagen, ob etwas und wenn was zu tun wäre.

In der Zwischenzeit werkelte ich auf der Leiter weiter, versuchte, die alten Vorhänge doch noch runterzubekommen. Als das Telefon wieder läutete, war ich gerade damit beschäftigt, die Häkchen aus den alten Vorhängen auszulösen. Das ergab eine etwas komfortablere Position, da ich diesmal nicht erst wieder die Leiter runter klettern musste. Der Facharzt hatte noch einige Fragen und sagte schließlich zu mir: „Ich werde Ihre Tante in meiner Abteilung im Krankenhaus aufnehmen. Ich habe auch tatsächlich noch ein Bett frei – ich hoffe, es ist Ihnen bewusst, dass das ein wahres Weihnachtswunder ist?!“

Ja, manchmal musste man eben auch Glück haben, dachte ich mir da noch. Er erklärte mir, was ich nun zu tun hatte und überließ mich mit einem dicken Klos im Hals und der Erwartung, die Verlegung selbst würde das Provinzkrankenhaus veranlassen, wieder meinen Vorhängen. Leicht hektisch pullte ich an meinen Häkchen weiter.

Ok, also musste im nächsten Schritt Außenposten Niki den Stationsarzt um Veranlassung der notwendigen Formalia ersuchen. Aber diese Rechnung hatten wir ohne den Wirt, also das Provinzspital gemacht. Denn dort war man der Meinung, die Patientin würde ausreichend betreut; ein Spezialist könne da auch nichts anderes machen. Ergo, wenn wir uns das einbildeten, sollten wir die Überstellung doch selbst organisieren. Punkt.

Habt ihr schon einmal versucht, einen bettlägrigen Patienten von einem Krankenhaus in ein anderes verlegen zulassen? Ich noch nie. So etwas macht normalerweise, wie gesagt, ja auch das Krankenhaus, in dem der Patient liegt. Vermutlich hatten sie gehofft, wir würden uns damit geschlagen geben. Ich schätze es ja generell sehr, wenn andere darauf hoffen, dass man scheitert. Sehr grenzwertig finde ich das aber dann, wenn es dabei tatsächlich um das Leben eines anderen Menschen geht. Aber eben deshalb kam Aufgeben für uns nicht in Frage. Der Mensch wächst an seinen Aufgaben und so ein Rettungstransport konnte ja auch keine Rocket Science sein...

Und wie es der Zufall so haben wollte, hatte meine Mutter glücklicherweise einen Kontakt zu einem Sanitätsdienst. Als ich da anrief, war es Samstag später Vormittag. Routinemäßig wurde ich gefragt, für wann denn die Überstellung geplant sei. Auf mein „na jetzt gleich“ folgte kurzes Schweigen, dann: „Aber Sie wissen schon, dass heute Samstag ist?“ „Ja, ich steht ja grad auf der Leiter beim Fensterputzen. Das mache ich unter der Woche nicht!“ Nach einem herzhaften Lachen wollte der nette Sanitäter wissen, welche Art von Transport denn erforderlich wäre. „Äh, ja eine Rettung halt?“ „Ja schon, aber mit sanitätsdienstlicher Betreuung oder mit Notarzt-Begleitung oder...“ Der Rest ging in heftigem Ohrensausen unter. Woher um alles in der Welt sollte ich das wissen? Ich war ja keine Ärztin, stand auf meiner Leiter und putze wie wild meine Fenster. Diese Information und die Bestätigung über die generelle Transportfähigkeit würden vom „abgebenden Krankenhaus“ kommen, erklärte mir der Mann, der mittlerweile offensichtlich ein gewisses Mitleid für mich entwickelt hatte, „aber dass wir jetzt noch den richtigen Wagen haben, dafür braucht´s dann noch ein kleines Wunder, gell...“ Na großartig...

Bevor ich mich dem „kleinen Wunder“ widmen konnte, mussten Niki wieder auf den Plan treten. Im ersten Rückruf teilte sie mir mit, die Krankenschwester auf der Station glaube, außer Sauerstoff sei nichts weiter erforderlich beim Krankentransport. Auf meine Bitte, diese vage Vermutung möge die Krankenschwester doch direkt dem Sanitätsdienst und nicht mir sagen, erhielt meine Großnichte die Antwort, derartige Auskünfte könne nur ein Arzt offiziell geben und von dem würde man gerade nicht wissen, wo er sich aufhielt.

Ich neige ja generell eher zu niedrigem Blutdruck, aber in dem Moment hätte ich ihn nicht messen wollen. Mit jeder Minute, die verstrich, stieg meine Sorge mehr, dass wir den Transport nicht rechtzeitig organisiert bekommen würden. Hätte aber der nicht klappen, wäre das Krankenhaus-Bett am nächsten Tag auch weg gewesen.

Es war nicht so, dass ich mich nicht von meiner Leiter losreißen hätte wollen, aber bis ich selbst in dem Provinzkrankenhaus angekommen wäre, hätten wir weitere kostbare Stunden verloren. Also blieb nur eines - ich musste versuchen, Niki, meine 23-jährige Großnichte, so zu motivieren, dass sie Vorort klar Schiff machte. „Niki, geh wieder zu dieser Krankenschwester und lass unverzüglich einen Arzt holen, der die Transportfähigkeit bestätigt – und zwar jetzt! Sonst können die Herrschaften morgen in der Zeitung lesen, dass in dem ganzen Provinzkrankenhaus kein einziger Arzt gefunden werden konnte. Es geht um das Leben deiner Oma!“

Und Niki ging. Ich weiß nicht, was diese sonst so höfliche und zuvorkommende junge Frau den Damen und Herren dort erzählt hat. Aber noch während ich mit dem Sanitäter über mögliche Alternativen, falls es keine Freigabe durch den Provinzarzt geben sollte, telefonierte, kamen alle erforderlichen Information zum Transport inklusive dem
Entlassungsbericht mit sämtlichen Befunden. Ich möchte hier nur am Rande erwähnen, dass dem Sanitätsdienst mitgeteilt wurde, außer Sauerstoff wäre nichts erforderlich, da es darüberhinaus ohnedies keine Behandlung mehr gäbe. Da fragt man sich schon, warum meine Tante überhaupt noch in diesem Krankenhaus lag. Mit Sauerstoff und ohne jegliche Behandlung hätte sie auch einfach zuhause in Ruhe sterben können.

Aber mit dem Sterben wollte auch ich mich nicht beschäftigen. Zumindest nicht, solange es noch eine klitzekleine Chance gab. Mittlerweile war es Samstag 14.30 Uhr. Ich war schweißgebadet von meinem Fensterputz-Workout und vor lauter Sorge, wir könnten es vielleicht doch nicht rechtzeitig schaffen.

Aber das Schicksal meinte es gut mit uns. Auch das „kleine Wunder“ wurde just-in-time geliefert; wir bekamen den allerletzten Sanitätswagen, den es an diesem Samstag in der ganzen Stadt noch gab. Kurz nach 16.00 Uhr war der Sanitätsdienst Vorort eingelangt und verließ wenig später mit meiner Tante und Niki wieder das Provinzspital. Von den wüsten Beschimpfungen, die man ihnen hinterherrief und der Drohung „Sie werden schon sehen, was sie davon haben!“ möchte ich euch nicht weiter erzählen. Manche Menschen kennen ihre Grenzen und habe Klasse, andere eben nicht.

Als meine Tante gegen 18.30 Uhr in der Spezialklinik ankam, konnte ich meine Tränen nur schwer verbergen. Meine sonst so kämpferische Tante, die mit über 80 bis vor kurzem noch den Haushalt für die gesamte Großfamilie geschmissen hatte, war zu einem kleinen Häufchen Elend geschrumpft, konnte kaum noch sprechen. Aber ihre Augen glänzten und sie hauchte: „Ich bin so froh, dass ich jetzt hier bin!“

Der diensthabende Assistenzarzt leitete unverzüglich diverse Untersuchungen ein und versicherte meiner Tante, man werde alles in der Macht stehende tun, um ihr zu helfen. Als sie leise „Danke, Herr Professor!“ sagte, grinste der sympathische Arzt und meinte: „Das bin ich noch nicht, aber ich arbeite daran!“

Mittlerweile hat sich der Zustand meiner Tante stabilisiert. Die Ärzte kennen die Ursache für ihre Beschwerden nun und haben eine Behandlung begonnen, auf die sie sehr gut anspricht. Sie ist noch nicht ganz übern Berg und wird Weihnachten vermutlich noch nicht nach Hause können. Aber eines ist sicher, wäre sie weiter ohne Behandlung geblieben, hätte sie Weihnachten nicht mehr erlebt. So stehen die Chancen - wie durch ein Wunder - sehr gut und sie wird es schaffen.

Und die Moral aus dieser G´schicht? Weihnachtswunder kommen vor oder doch zumindest eine glückliche Verkettung glücklicher Umstände. Mir ist beides recht, Hauptsache meine Tante lebt!

In diesem Sinne wünsche ich euch aus ganzem Herzen eine wunderschöne Weihnachtszeit!

Servus, ciao-ciao und baba, eure Lena.

2 comments
  1. i.looxs Designallerlei
    i.looxs Designallerlei

    Liebe Anna,
    danke schön! Hab auch du eine wundervolle Weihnachtszeit mit deinen Lieben!
    Und vielen Dank für deine immer wieder so netten Kommentare!
    Lieben Gruß,
    Lena

  2. Anna Stranzinger

    Liebe Lena. Dein Blog ist sehr ergreifend und außerdem hast du großartiges geleistet zur Unterstützung des Schicksals deiner Tante.

    Ich wünsche dir auch eine schöne Weihnachtszeit.

    Liebe Grüße
    Anna

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