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LIFE

DER FRÜHE VOGEL FÄNGT DEN HANDWERKER

5.45 Uhr

Mann, was ist denn da so laut... ach so, der Wecker. Dabei ist es gerade so kuschelig warm. Soll ich wirklich raus aus den Federn? Na gut, hilft ja nix, ich habe heute noch ein dichtes Programm. Also raus dem Bett, ab ins Bad, rein in die Klamotten und ... - halt !!! - Kaffee. Ohne Kaffee geht bei mir einmal gar nix. Weder mein Kreislauf noch der Genussmensch in mir sind bereit, den Tag ohne ein Quäntchen Koffein mit Milch und Zucker zu beginnen. Und dann erst geht´s los.

Das Positive am Frühaufstehen ist, dass sich der Verkehr selbst in den inneren Bezirken Wien´s noch in Grenzen hält. Für einen kurzen Moment beneide ich all jene, die nicht schon um 7.30 Uhr auf der Bestelle stehen müssen. Aber das sind nur die Reste des Faulians ins mir, der gerne noch die Schäfchen zählen würde. Ich liebe meinen Beruf und bin ohnedies ein Early Bird. Nur die eisige Kälte, die derzeit bei uns herrscht, macht mir zu dieser morgendlichen Stunde doch zu schaffen.

Warm wird mir spätestens bei der 27sten Runde um die halbe Innenstadt auf der Suche nach einem klitzekleinen Parkplatz, den auch Nicht-Anrainer benutzen dürfen. „Immer positiv denken“, ermahne ich mich und irgendwann zwischen „Yoga für Autofahrer“ und ersten Anzeichen von Wallungen ergattere ich dann das Gewünschte – einen klitze-klitze-kleinen Parkplatz. Wie immer treffe ich Mini-Parkplätze auf den ersten Versuch. Ich verstehe es selbst nicht, aber Probleme bereiten mir nur die quasi LKW-Parklücken. Da finde ich scheinbar mein Plätzchen nicht und schiebe ewig hin und her. Aber das ist eine andere Geschichte.

7.35 Uhr

Da soll mal einer sagen, ein Dienstleister würde nur an seinem Computer sitzen. Ich habe soeben meine Best-Sprint-Zeit noch einmal dramatisch verbessert und dabei wieder neue Ecken der Stadt auf dem Weg von meiner Parklücke zur Baustelle kennen gelernt. Kurzer persönlicher Notizzettel: das nächste Mal nehme ich den Bus vom Parkplatz...

Hanteln für Fitnesszwecke zu erwerben, erspare ich mir jedenfalls. Ich schleppe ständig irgendetwas mit; überdimensionierte Maßbänder, Fliesenmuster, Planrollen, Vorhänge. Ich bin sozusagen die österreichische Professionisten-Version des deutschen Wohnwagenfahrers.

Aber gut, soviel zur sportlichen Seite meines Berufs. Der Baumeister schüttelt mir mit einem freundlichen Lächeln die Hand und weckt mich mit seinem lautstarken Ruf nach einem seiner Mitarbeiter endgültig auf. Das sind jene Momente, die ich besonders mag: Menschen, die am Morgen nicht muffelig sind, sondern gut gelaunt, scheinbar weil sie schon ihr ganzes Leben gewohnt sind, zeitig aufzustehen. Gut, es kann jetzt auch sein, dass das Lächeln des Baumeisters wieder einmal meinen High Heels galt. So hoch sind die gar nicht, aber mittlerweile legendär - in meinem Umfeld. Ich trage die nicht aus Eitelkeit, sondern weil ich oft Stunden lang stehen muss und Plateau-Sohlen einfach für die Fußballen angenehmer sind. So hat halt jeder seine Vorlieben.

Meine Freude über diese gut gelaunten Menschen bekommt allerdings jetzt ein kleines Tief, wenn ich mir die Lage des neuen Türdurchbruchs so ansehe. Das war doch alles ganz genau im Plan vermasst. Und extra gesagt hatte ich es auch noch mal. Treuherzig blickt mich der Mitarbeiter an, greift leicht verzweifelt zur Zigarette, macht einen tiefen Zug, erspart sich somit scheinbar den Seuftzer und meint: „Muss i olles wida obi reissen.“ Was so viel heißt wie, das Ganze muss er noch mal machen. Der Rest von Hoffnung, dass ich dieses Malheur doch noch durchgehen lassen könnte, verschwindet aus seinem Gesicht, als ich ihm den Plan unter die Nase halte. Nicht, dass ich nicht gerne großzügig sein wollte, aber ich könnte es unserem Kunden wohl schlecht erklären, warum er trotz separat deshalb eingerissener Wand nun erst recht keine Küchenzeile in der neuen Nische unterbringt.

Gut, oder besser, nicht gut, denn das wirft meinen Zeitplan einen ganzen Tag zurück. Natürlich plane ich die eine oder andere Verzögerung schon präventiv mit ein. Aber ich habe es nicht so gerne, wenn ich diesen Puffer schon ganz zu Beginn anknabbern muss. Es wäre schön, wenn zumindest Elektriker und Installateur im Plan wären, zeitlich und wortwörtlich. Und da es der Handwerker-Gott heute im Großen und Ganzen doch recht gut mit mir zu meinen scheint, passen die Roh-Installationen und Leerverrohrungen perfekt. Schnell noch die nächsten Schritte mit allen Handwerkern gemeinsam durchgehen, Termine noch einmal bestätigen, ein paar Fotos vom heutigen Baustellen-Fortschritt machen und dann geht´s zurück zum Auto.

An die eigenartigen Blicke so manches Passanten habe ich mich mittlerweile schon gewöhnt, wenn ich von Baustellen komme, wo es gerade so richtig ans Werk geht. Je nach Mauermaterial und Baufortschritt bin ich von einer ziegelroten bis betongrauen Staubwolke umhüllt. Also Haare, Mantel und Schuhe kurz abklopfen, bevor ich in mein Auto steige und zum nächsten Termin sause. Oder besser staue.

9.30 Uhr

Erster Versuch einen passenden Parkett zu finden. Ich stürme also in das Fachgeschäft, schaue mir die aktuellen Echtholzvarianten an und sehe schnell, dass ich hier mit dem festgelegten Budget nicht auskommen werde. Noch ein kleines Schwätzchen mit dem Fachhändler, der mich wieder auf den neusten Stand bezüglich Härte, Kratzfestigkeit und Oberflächenbehandlung bringt, und schon stürme ich weiter zum nächsten Geschäft. Wenn man ein bisschen flexibel bei der Dielengröße und der Sortierung ist, kann man richtig gute Schnäppchen bekommen. Ich ersuche also um Erstellung eines Angebotes, nehme ein Stückchen Diele als Muster mit und flitze weiter.

11.00 Uhr

Zufrieden mit dem wunderschönen Boden, beglücke ich nun die Verkäuferin einer Raumausstattungsfirma mit meinem Moodboard. Wir sind schon ein eingespieltes Team. Sie versteht sofort, welche Raumwirkung ich erzielen will, und zeigt mir einige sehr schöne Stores und Teppiche, die alle wunderbar passen würden. Aber perfekt ist nur das eine Set und das nehme ich auch gleich mit.

12.00 Uhr

Im Büro angekommen, drapiere ich meine Beute auf meinem „Vorlegetisch“. Es ist einfach schön, wenn man sieht, wie die Materialien harmonieren und aus meiner Idee schön langsam Realität wird. Zufrieden mache ich mir - diesmal in aller Ruhe - einen Espresso Macchiato, nehme mir etwas Gehirnnahrung in Form meiner geliebten Heller-Nougat-dunkler-Nougat-Würfelchen und sicherheitshalber noch ein paar Himbeeren mit, setze ich mich an meinen Computer und freue mich, was für einen schönen Beruf ich doch habe.

Es war nicht immer so...

Erst vor ein paar Jahren habe ich mich dazu entschlossen, das zu machen, was mir wirklich Freude macht. So mancher fand meine Entscheidung, nach 20 Berufsjahren und einer stattlichen Karriere noch einmal ganz von vorne anzufangen, nicht mutig sondern eher verrückt. Und klar gab es Momente, wo ich mir ein fixes Gehalt am Monatsende gewünscht hätte. Aber keine Sekunde habe ich es bisher bereut, den mir ureigenen Weg eingeschlagen zu haben. Im Gegenteil, jeden Morgen, und sei es noch so früh, freue ich mich auf all das, was mich an größeren und kleineren Katastrophen auf den Baustellen erwartet und vor allem auf die vielen schönen Momente, wenn unsere Kunden ihre neue Wohnung betreten und dieses Strahlen in den Augen haben. Um nichts in der Welt möchte ich das heute missen.

Ich kann nur sagen, es zahlt sich aus, auf seine innere Stimme zu hören und bin gespannt, was Ihr erlebt habt und wie es Euch in Eurem Alltag ergeht.

Und übrigens, ein bisschen Verrücktsein hat noch niemandem geschadet.

In diesem Sinne, servus, ciao-ciao und baba. Eure Lena.